Dr. Hans Henry Richter

          Bildhauer und Wirtschaftswissenschaftler

Dr. Hans Henry Richter

Der erste Weltkrieg war noch nicht ausgebrochen, als ich an einem Sonntag, Porträt Dr. Hans Henry Richter
dem 24. Dezember 1911, in Berlin zur Welt kam.

Mein Vater war Konzertmeister und ein Virtuose auf der Geige und dem Klavier, mit einer in Russland begonnenen beachtlichen Karriere und Engagements in St. Petersburg, Hamburg, Berlin u.a.m.

Meine Mutter, zweitälteste von sechs Geschwistern, wurde sozusagen auf der Durchreise in Leuve St. Pierre, in Belgiern geboren. Mein Großvater war Porzellanmaler, zog mit seiner Familie von Manufaktur zu Manufaktur, entwarf neue Muster und lernte die Kollegen in der Ausführung an. So kamen seine Kinder in einer immer neuen und auch fremden Umgebung zur Welt.
Meine Mutter sprach Französisch besser als Deutsch, durfte aber in einer nationalistisch eingestellten politischen Welt keinen Gebrauch davon machen.

Mein Vater musste nach dem ersten Weltkrieg häufig sein Engagement wechseln. Dann nahm meine Mutter mit mir Zuflucht bei ihren Geschwistern in Schlesien. So kam es, dass wir beide oft monatelang unsere Wohnung in Mühlhausen in Thüringen mit dem Gutshof und Hotel ihres Bruders im niederschlesischen Bergland tauschten.
Im Jahre 1931 bestand ich am Realgymnasium in Mühlhausen das Abitur, ein mit den Realien nicht besonders vertrauter Schüler, der aber in Zeichnen und Kunstgeschichte in der Prima dominierend, mit seiner Darlegung der Stilentwicklung in Malerei und Plastik das gesamte Lehrerkollegium bis in den späten Abend des letzten Prüfungstages zu fesseln wusste.
Ich entging damit der nochmaligen Wiederholung der Prima und konnte den mit farbigen Bändern geschmückten Lorbeerkranz auf meiner weißen Primanermütze befestigen.

Ich hatte vor, es mit dem Architekturstudium zu versuchen und ging nach Berlin, um mich an der Technischen Hochschule einschreiben zu lassen. In der mir fremden und voll Unruhe erfüllten Stadt waren allerdings bald meine mehr als geringen materiellen Reserven verbraucht.
Trotzdem war es wohl ein eigensinniger Stolz, der mich die drei Monate des Semesters durchhalten ließ. In der vorlesungsfreien Zeit lief ich oft viele Kilometer, um die Straßen Berlins hinter mich zu lassen und etwa am Ufer der Havel in der Sonne zu liegen oder auch um am Rande der Stadt am Tisch meines Vetters einmal richtig zu essen und zu trinken.

Mein Vetter war Kleistpreisträger und bekannter Schriftsteller. Er war es, der mich mit der großen Literatur bekannt machte und mich veranlasste, in der Abgeschiedenheit meines Berliner Zimmers die Welt eines Flaubert oder eines Honoré de Balsac kennen zu lernen, um mit ihren Helden zu leiden, die oft an einer mitleidlosen Gesellschaft zugrunde gingen.

Nach dem Berliner Semester "trampte" ich nach Schlesien. Ein schöner Sommer, eine herzliche Aufnahme bei den Geschwistern meiner Mutter und die vertraute Umgebung ließen mich das Berliner Abseits schnell vergessen.
Im August 1931 ging ich in das von mittelalterlichen Mauern und Türmen bewehrte Mühlhausen zurück. Bis in den Winter hinein hoffte ich, durch meinen Vetter Gerhard, der in Berlin einflussreiche Leute in der Medienbrache kannte, im Journalismus unterzukommen.

Als dies immer unwahrscheinlicher wurde, da die in Deutschland zunehmende wirtschaftliche Schwäche und politische Ungewissheit jedes sichere längerfristige Planen auch bei den Freunden infrage stellte, nahm ich ein, an mich herangetragenes Angebot an und begann eine Lehre als Steinmetz und Bildhauer.
Im Jahre 1935 schloss ich die Lehre mit der Gesellenprüfung ab und begann eine Weiterbildung bei den Akademischen Bildhauern Walter Krause in Mühlhausen - Meisterschüler von Adolf von Hildebrand - und Dubois in Raspenau in Niederschlesien.
Ein glücklicher Zufall wollte es, dass in diesem kleinen Dorf Raspenau an der tschechischen Grenze der Parteiapparat nicht vorhanden war.
Lebte ich doch in einem Deutschland, in dem ein so genannter Führer an die Macht gekommen war, dessen Parteiapparat anders denkende Menschen oder solche, die seinem krankhaften Idealbild nicht entsprachen, ausgrenzte oder gar vernichtete, wo sein Einfluss sie erreichte.
Doch in Raspenau konnte ich, entsprechend dem Anwachsen meiner finanziellen Rücklagen, ganz ohne parteiliche Einmischungen Pläne für meine Zukunft entwerfen.

Im Sommer 1937 verließ ich meine politische Oase und immatrikulierte mich als Student der Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. 1938 ging ich für ein Semester nach Berlin. Mein Antrag, an der Universität Genf mein Studium fortsetzen zu dürfen, wurde genehmigt, und so fuhr ich nach Abschluss des Wintersemesters, am 18. April 1939, mit einer kleinen Gruppe deutscher Studenten über den Grenzort Thayngen in die Schweiz. Am gleichen Abend erreichten wir Genf.

Ich betrat an diesem Abend ein für mich ganz unbekanntes Land. Seine Wirklichkeit verbarg sich noch hinter seinem geschichtlichen Bild.
Ich hatte mich mit Calvin und Rousseau beschäftigt. Der eine ein von Gottes Auftrag erfüllter Reformator, der - wie Balzac schrieb - alle Gräuel Robespierres vorweg genommen hatte. Seine Herrschaft dauerte zwanzig Jahre, die Prägung durch seine sinnenfeindliche Lehre, die materiellen Erfolg als Gottesgnadentum erkennt, währt bis heute.
Der andere, Rousseau, ein wirklicher Sohn der Stadt, hatte die Lehre von dem, von Natur aus guten Menschen entwickelt, welche die Revolutionen der folgenden Jahrhunderte inspirieren sollte.
Mochte sich auch noch ein Rest moralischer Strenge hinter den Fassaden der alten Bürgenhäuser verbergen, alles wurde aufgelockert durch ein, in Bürgerfreiheit geübtes waches, zuvorkommendes Verhalten, das mir jede Begegnung zu einem Gewinn machte, auch durch die Fröhlichkeit der spielenden Kinder und die zarte Schönheit, den Charme und den Esprit der jungen Töchter der ›Republik‹, denen nicht nur ich allzu schnell verfiel.
Die Straßen und Plätze, die Wiesen und Weinberge, der Lac Léman, dessen Licht alles überstrahlte, die Räume, in denen sich meine Begegnungen vollzogen, all das gewann mich mit betörender Kraft.
War ich damals doch nur vorübergehend entlassen aus einer nationalistischen Welt, die mich ganz für sich wollte. Hier fand ich eine Welt, die keine Forderungen an mich hatte, mir überdies etwas kostbares anbot: das Abenteuer Freiheit.
Wie zerbrechlich dieses war, erfuhr ich zum Ende des Sommersemesters, als wir deutschen Studenten zum Ernteeinsatz bei Zoppot in der Nähe von Danzig befohlen wurden, um unseren Dank für die Genfer Freiheit abzuleisten.
In Berlin konnte ich den unheilvollen Tag der Kriegserklärung an Polen miterleben. Der 1. September 1939 war ein heißer, dunstiger Tag, und das Brandenburger Tor leuchtete in einem rot glühenden Sonnenuntergang. Berlin blieb stumm, ohne Anzeichen irgendeiner Begeisterung.
Ich wurde gemustert, für kriegstauglich befunden und zurückgestellt. Man brauchte mich noch nicht in dem Spiel eines Besessenen, der die Welt seiner hirnverbrannten Idee unterwerfen wollte.
Erneut erhielt ich das Einreisevisum in die Schweiz, um mein Studium fortzusetzen. Noch einmal durfte ich in eine Stadt, in der die Lichter noch nicht ausgegangen waren.

Als ich am 15. März 1940 Genf nach zwei Semestern verließ, hatte ich begriffen, was mir diese kurze Zeit geschenkt hatte. Es sollten mehr als fünf Jahre vergehen, ehe ich wieder einen Schritt dem Abenteuer Freiheit entgegentun konnte.

Kurz bevor ich Genf verließ, kam es zu einer Begegnung, wie sie damals in Genf offenbar möglich war. Nach einem Vorgespräch mit einem ungarischen Studenten und mit Zustimmung von Generalkonsul Krauel traf ich mich in einem Café der "Commune de Carouge" mit einem Engländer, der als Erkennungszeichen einen Drahthaardackel mit sich führte. Er bat, sich an meinen Tisch setzen zu dürfen und übergab mir ein Paket mit Geheimdokumenten der britischen Regierung - angeblich zur Sondierung von Geheimgesprächen über einen möglichen Waffenstillstand - zur Weiterleitung an die Reichsregierung. Das sollte mir noch einigen Ärger bereiten.
Nun begrüßte ich damals alles, was ungewöhnlich war und mich über die Vorlesungen hinaus beschäftigte. Doch waren mir die Praktiken noch nicht geläufig, mit denen die willfährigen Schergen des Dritten Reiches all jene bedachten, die der Obrigkeit verdächtig wurden. Mit dem Empfang und der Weitergabe jenes Paketes wurde ich zu einem Kandidaten für die Mühlen, in der Unbotmäßige zermahlen wurden.

Am 14. März 1940 verließ ich die Schweiz wieder mit Reiseziel Berlin. Versehen mit den guten Wünschen von Generalkonsul Krauel hatte ich mich in dem berüchtigten Gebäude des SD-Hauptamtes in der Bendlerstraße einzufinden.
Ich wurde in das Büro eines höheren SS-Offiziers geführt. Noch heute stehe ich unter dem Eindruck des tragischkomischen Widerspruches zwischen den Phrasen, die dieser Mensch schreiend an mich richtete, und der Eleganz, die sowohl seine Kleidung als auch die Einrichtung des Raumes auszeichnete.
Er war in seinen Ausdrücken nicht wählerisch, deren Sinn offenbar darin lag, mich ob meiner Kühnheit ›fertig zu machen‹. Offenbar hatte ich etwas getan, das mir keinesfalls zustand. Seine Ausführungen machten klar, dass an meinem Deutschtum zu zweifeln war.
Zu meinem Glück war ich bereits gemustert, und bis in die Kommandostellen der Wehrmacht reichten die Befugnisse der SS noch nicht. Daher wurde mir anheim gestellt, meine angeblich verloren gegangene Ehre im Einsatz an der Front zurück zu gewinnen.

So begann einen Monat später, am 15. April 1940, meine Laufbahn als Soldat.
Meine Ausbildung begann bei einer ›Intelligenztruppe‹, wie der mich in Heidelberg, wo inzwischen weiter studierte, auswählende Major versicherte. Es handelte sich um die 2. Nebel-Ersatz-Abteilung in Bremen.
Die zwei Monate der Grundausbildung erforderten in der Tat eine besondere Art von Intelligenz. Sie wurde notwendig, um die körperliche Herausforderung bei der Handhabung eines schweren Granatwerfers - unserer Waffe - zu kompensieren.
Nach der Grundausbildung wurden wir vorübergehend entlassen. Ich nutzte die Zeit, um mein Studium der Volkswirtschaftslehre in Heidelberg abzuschließen und bestand das Examen mit ›gut‹.
Bis zum 21. Juli 1941 erfolgte in einer norddeutschen Kaserne die theoretische und praktische Ausbildung für den Einsatz an der Front. Nach Ausrüstung mit einer neuen Werfergeneration fuhren wir nach Frankreich in die Normandie zum Küstenschutz am Ärmelkanal. Wir bezogen Quartier in Tancarville in einem Schloss direkt an der Seine. Da der Krieg mit Frankreich beendet war, diente unser Aufenthalt offenbar nur zur Einstimmung auf andere Aufgaben. Drei Monate später erfolgte unser Abtransport in den Russlandfeldzug.
Als Heeresartillerie wurden wir bei so genannten Durchbrüchen und Verfolgungen an den Brennpunkten eingesetzt, bis wir die Krim erobert ujnd schließlich Sewastopol eingenommen hatten. Anschließend ging es weiter in den Kaukasus, wo wir zuletzt in einem kabardinischen Bergdorf Quartier bezogen. Soweit es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, war es meine Aufgabe, als B-Offizier oder vorgeschobener Beobachter das Feuer unserer Granatwerfer zu leiten.
Ende 1942 wurden für das Afrika-Chor ein Wachtmeister, ein Unteroffizier und acht Soldaten angefordert. Mein Batterie-Führer benannte mich und so fuhr ich mit dem Unteroffizier und den Soldaten quer durch Russland bis nach Munsterlager in der Lüneburger Heide.
Zum ersten Mal bekam ich Urlaub. Weihnachten verbrachte ich bei meinen überglücklichen Eltern in Mühlhausen in Thüringen und fuhr dann nach Heidelberg. Das Neue Jahr begrüßte ich bei einem Tanz bis in den Morgen auf unserem Haus vom Chor Schwaben. Das Ergebnis: ein bösartiger Kniefurunkel, Meldung beim Standortarzt und umgehende Operation in der Chirurgischen Klinik in Heidelberg. Bei der gründlichen medizinischen Untersuchung wurden neben Ruhr auch andere bedenkliche Symptome festgestellt, die an der Ostfront als normal, hier in der Heimat aber als ernste Krankheiten galten, und aufgrund derer ich erst im Februar 1943 aus der Klinik entlassen und zu einer Einheit nach Verden an der Aller befohlen wurde. Dort richtete ich aufgrund meiner Erfahrungen in Russland ein so genanntes Wintermuseum ein und wurde im Oktober 1943 mit der Leitung eines Lehrgangs für Reserve-Offiziersbewerber betraut. Ich vergatterte meine Unteroffiziere: Bei der Ausbildung auf dem Kasernenhof erfolgen keine der üblichen Schikanen. Der Lehrgang wurde ein voller Erfolg. Sämtliche Teilnehmer wurden zu Unteroffizieren befördert.
Am 21. August 1944 kommt mein Abschied von der Reiterstadt. Mein Fahnenjunker-Lehrgang beginnt am 22. August in Westfalenhof-Groß Born in Westpreußen und dauert bis zum 16. Dezember. Beförderungen bleiben nicht aus: zum Oberfähnrich am 1. November und zum Leutnant am 1. Dezember 1944. Mein Lehrgangsleiter Hauptmann Derfner befreit mich oft von der Routine des Lehrganges. Als Pilzkenner gehen ich in die Wälder und trage zur Verbesserung unserer mehr als dürftigen Ernährung bei.
Nach dem Lehrgang fahre ich wieder nach Verden, von wo ich am 15. Januar 1945 nach Posen versetzt werde. Dort ankommen werde ich nicht. Posen ist bereits in der Hand der Russen.

Der Zug hält mitten in einem Schneesturm in Neutomichel. Ich suche eine Meldestelle, werde sofort vereinnahmt und bin nun Mitglied einer Auffangorganisation, die mitb den zurück weichenden Soldaten einen hinhaltenden Widerstand aufbauen soll.
Nach kurzer Zeit werde ich Ordonnanzoffizier bei dem Befehlshaber der Organisation, General Schroeck, einem Ostpreußen, der sein schönes Gut wohl für immer verloren hat. Er schirmt mich gegen alle Versuche ab, mich für einen anderen Einsatz zu gewinnen.
Der Rückzug ist begleitet von Not, Elend und Tod der mit flüchtenden Frauen und Kindern besetzten Wagenkolonnen.
Anfang Februar 1945 hatten uns die Russen rechts und links überholt und bereits die Oder erreicht. Wir entschlossen uns zu einem gefährlichen Versuch.
Wir befanden uns an einem Bahndamm Richtung Frankfurt an der Oder. Es war tiefe Nacht, und wir marschierten ohne Gepäck, lautlos, schweigend, nur mit unseren Maschinengewehren bewaffnet, an den Biwakfeuern vorbei, die oben auf dem Damm brannten, und kamen unbehelligt über die Eisenbahnbrücke nach Frankfurt.
Nach einer Übernachtung in einem, von seinen geflüchteten Bewohnern verlassenen Haus machten wir am nächsten Tag Halt in Hangelsberg bei Berlin. Von hier wurde das Auffangkommando nach Stralsund beordert.
ich erhalte den irrealen Auftrag, ›die Fahrzeuge nachzuführen‹. Das beinahe Unmögliche gelingt mit Hilfe der Reichsbahndirektion in Berlin, einem Pritschenzug, meinem Wachtmeister, meinem Unteroffizier und einem Eisenbahner.
Auf einer langen Fahrt durch von Menschen verlassenes Gebiet erreichen wir tatsächlich Stralsund, und ich kann dem verblüfften General den Vollzug des Befehls melden.
Das Auffangkommando ist wieder motorisiert. Ich werde Auffangkommandant in Feldberg am Feldsee und in Waren am Müritzsee. General Schroeck hat mir den Rang eines Majors verliehen, was meinen Aufgaben sehr hilfreich ist.
Doch nach Feldberg kommt in Waren nur noch ein kurzes Zwischenspiel. Der Krieg geht zu Ende. Wir merken es daran, dass sich niemand mehr um das Auffangkommando kümmert.
Als wir nördlich von unserer Meldestelle einen Jeep mit amerikanischen Soldaten und einer weißen Fahne vorbei fahren sehen, löse ich die Meldestelle auf und stelle es jedem frei, sich in eigener Verantwortung zu wenden, wohin er wolle.

Auch mein Weg führte in die Gefangenschaft, zunächst in die amerikanische und dann in die britische und zwar in ein Gebiet von Schleswig-Holstein nördlich von Oldenburg. Dort wurde mir die Verantwortung über eine etwa 150 mann starke Kompanie übertragen. Ich hatte die Verpflegung zu organisieren und wurde dabei sehr bald mit einer finsteren Seite des bisherigen Regimes bekannt: Es wurde uns mitgeteilt, dass unsere Rationen für einige Zeit den gleichen Umfang haben würden wie in den Konzentrationslagern des Deutschen Reiches.
Ich wurde schließlich als Kfz-Offizier auf das Gut Seegalendorf versetzt. Hier hatte ich Zeit, über das, was gewesen war und das damit verbundene grausige Vabanque-Spiel eines Wahnsinnigen nachzudenken mit der Folge von Millionen Toten Zivilpersonen und Soldaten auf beiden Seiten und, was vielen von uns Gefangenen zum ersten Mal bekannt wurde: der systematischen Ausrottung von Menschen jüdischen Glaubens gleich welcher Nation überall dort, wohin der Einfluss des so genannten Führers reichte.
Wir, von den Engländern auf dem Gut internierten Gefangenen, versorgten uns in freier Selbstverwaltung und organisierten in dem wunderbaren Frühling 1945 Theateraufführungen, Lesungen und Musikveranstaltungen. Denn unter uns Soldaten waren auch zahlreiche Künstler. Sogar Mathias Wiemann las uns vor.
Bei einer dieser Veranstaltungen hatte ich die wichtigste Begegnung meines Lebens. Unter den Gutsleuten saß eine junge Frau, die ich nicht vergessen konnte. Ich setzte alles daran, sie kennen zu lernen.
Rosmarie wurde später meine Frau. Wir bekamen zwei Wunschkinder, Sohn Clemens am 13. April 1952 und Tochter Viola am 16. September 1957. Mit meiner Rosmarie nun seit mehr als 60 Jahren ein von Glück erfülltes Leben.

Es folgte die Entlassung aus der Gefangenschaft. Was war ich nach diesem Krieg? Ein entnazifizierter Leutnant, ein Steinmetz und Bildhauer mit Gesellenbrief, ein diplomierter Volkswirt, der bald seine Liebste heiratete.

Illegal und abenteuerlich reisten wir durch mehrere Besatzungszonen nach Walldürn im Odenwald, wo ich als Bildhauer in den Dienst des dortigen Augustinerklosters trat. Im dessen Auftrag schuf ich einen großen Freialtar mit dem Zeichen des Heiligen Blutes, zwei Reliefs für die neuen Glocken der Wallfahrtskirche und ein lebensgroßes Kruzifix für den Pfarrer der Kirche in Hundheim bei Wertheim am Main.
Mit der Währungsreform verloren die Augustiner die Möglichkeit für weitere Aufträge und wir kehrten zurück in den Norden. Im Haus meiner Schwiegereltern an der Kieler Förde konnten wir frei wohnen, ich wurde wieder Student an der Kieler Universität, besuchte Vorlesungen und nahm an Übungen teil.
Es folgten im Rahmen eines Forschungsauftrages zusammen mit einem Freund und Kollegen drei Jahre ›Kärrnerdienste‹. Es ging dabei um die Verflechtung der Sozialleistungen im Nachkriegsdeutschland und um die Vorbereitung einer Statistik darüber beim Statistischen Bundesamt. Das Thema meiner Doktorarbeit lautete in diesem Zusammenhang ›Die rechtlichen Grundlagen deutscher Sozialpolitk‹.
Mein Kollege und ich bestanden gemeinsam die Prüfung zum Dr. sc. pol. mit ›summa cum laude‹. Ich hatte nun die Aufgabe, mich mit dem Thema ›Die europäische Sozialpolitik‹ zu habilitieren und war schon auf dem Weg nach Genf zum Internationalen Arbeitsamt, als mein Professor Dr. Mackenroth starb.
Da keiner seiner Kollegen in der Lage war, mich zu übernehmen, nahm ich 1955 ein Angebot der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft e.V. in Hamburg an und wurde Leiter der Vortragsplanung auf dem neutralen Forum der Gesellschaft. Im Jahr darauf gründeten wir in Bad Harzburg die ›Akademie für Führungskräfte - middle management‹, die kurz darauf in ›Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft‹ umbenannt wurde.

Neben der wirklich neuen Führungskonzeption der ›Delegation von Verantwortung‹, die zum Banner der Akademie wurde, umfasste das Programm, das von mir in Zusammenarbeit mit jungen Assistenten verschiedener Universitäten angeboten wurde, bald sämtliche Gebiete der Unternehmensführung.
Im Rahmen meiner Planungsaufgabe entstanden
1. das Ausbildungsprogramm für Meister und Gruppenführer sowie für kaufmännische und technische Führungskräfte.
2. Ferner initiierte ich das ›Harzburg-Kolleg‹, einen Zehn-Wochen-Lehrgang, den ich für viele Jahre übernahm. ich konnte an dem 25-jährigen Jubiläum des ›Harzburg-Kollegs‹ noch teilnehmen.
3. Weiterhin entstanden die Konjunkturgespräche der Deutschen Volkwirtschaften Gesellschaft e.V. Die Konjunkturgespräche fanden auf dem ›neutralen Boden‹ der Gesellschaft im Gürzenich in Köln statt.
Sie wurden mit führenden Vertretern aus den Wirtschafts-, Sozial- und Gewerkschaftsverbänden sowie aus der deutschen Bundesbank durchgeführt - und zwar 18-mal in aufeinander folgenden Jahren.
Die Gesprächsergebnisse wurden veröffentlicht bzw. Interessenten zugänglich gemacht.
4. Die Tagungen der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft e.V. über Themen der Wirtschafts- und Sozialpolitik mit anschließender Veröffentlichung der Tagungsergebnisse - ebenfalls im Gürzenich.
So wurde u.a .das Erste Jahresgutachten des Sachverständigenrats 1964/65 mit mehr als 50 Teilnehmern in seinem Für und Wieder einer ausführlichen Stellungnahme unterzogen. Die Diskussionsergebnisse wurden von mir dann redaktionell bearbeitet und von der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft veröffentlicht.
5. Die ›Harzburger Hefte‹ mit Veröffentlichungen aus der Arbeit der Akademie.
Ich war vom ersten Heft an 15 Jahre lang Hauptschriftleiter, gestaltete das Layout zusammen mit kompetenten Grafikern und war für die Auswahl der Beiträge zuständig.
Daneben bestand meine Aufgabe als Dozent der Akademie auf den Sachgebieten Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Menschenführung, in der Vertragschließung mit den Gastdozenten - in der "Blütezeit" der Akademie mit 1500 Seminaren im Jahr waren es ca. 60 Gastdozenten, in der Vertragschließung mit Hoteliers über die Durchführung von Seminaren in ihren Hotels in Bad Harzburg und in der Schweiz, dort im Ringhotel in Engelberg, das ich auf einer Erkundungsreise besonders empfehlenswert gefunden hatte.
Während der 25 Jahre meiner Arbeit war ich völlig frei in meinen Entscheidungen.
So wie die von uns gelehrte Führung mit Delegation von Verantwortung ja auch beinhaltet, dass der jeweilige Stelleninhaber seine Aufgaben selbstverantwortlich im Rahmen gesetzter Ziele durchführt.
Das Gespräch ist das Führungsmittel des Vorgesetzten. In einem Mitarbeitergespräch stellt der Vorgesetzte fest, ob der Mitarbeiter in Übereinstimmung mit den ihm gesetzten Zielen gehandelt hat und er prüft dabei, ob die dabei notwendigen betrieblichen Entscheidungen zu einem erfolgreichen Ergebnis geführt haben.
Eine Kritik dieser Führungskonzeption ist deshalb eng verbunden mit der Frage , ob die jeweiligen Stellen mit den richtigen Mitarbeitern besetzt sind.
Meiner Einschätzung nach ist dies in der Gegenwart für alle Ebenen der meisten Unternehmen eine berechtigte Frage.

In meinem 69. Lebensjahr wurde ich auf eigenen Wunsch pensioniert.
Da die für mich eingerichtete betriebliche Altersversorgung zu niedrig war, um davon leben zu können, kümmerte ich mich - nunmehr selbständig - um andere Verdienstmöglichkeiten.

Wir verkauften unser Haus in Bad Harzburg und bauten zum zweiten Mal in Uffing am Staffelsee in Oberbayern. Dort nahm ich das Angebot der ›PAI - Planungsgruppe Architekten und Ingenieure‹ an, in dem Unternehmen beratend tätig zu sein. - Die PAI hatte auch unser Haus in Uffing gebaut.

Außerdem wurde ich nun als Freier Bildhauer tätig. Bis zum Jahre 2007 wurden von mir in mehr als 50 Ausstellungen im In- und Ausland 20 neue Skulpturen und Bronzeplastiken vorgestellt.

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